Ghanacalling | der Ghana-Blog

Grenzenloser Goldrausch

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Zweimal schrillt die Glocke und der Eisenkäfig rumpelt in die Tiefe. Abwechselnd ziehen das Licht der Stollen und die Schatten des Erdreichs vorbei. Hell-dunkel, hell-dunkel, hell-dunkel wie in einem Paternoster. Aber die Männer mit den schwieligen Händen und dem Bartschatten im Gesicht schauen nicht hin. Ihre Augen sind geschlossen, ihre Hände umklammern die des Nebenmannes.

Jeden Tag fahren die Bergmänner zu ihrer Acht-Stunden-Schicht nach unten. Und immer schwingt die Befürchtung mit, dass die Fahrt in die Dunkelheit ihre letzte sein könnte. Bis zu 1000 Meter unter der Erdoberfläche graben sie nach Gold in einer der größten Minen der Welt.

Der güldene Bergmann: Goldabbau hat eine lange Tradition in Obuasi.

Eingebettet in eine immergrüne Mittelgebirgslandschaft, aus der nur die Affenbrotbäume und die Fördertürme ragen, liegt Obuasi, eine echte Goldgräberstadt. 1895 begannen die Briten hier Gold abzubauen, damals war Ghana noch Kronkolonie und hieß Goldküste.

An der Ader von AngloGold

Heute hat Obuasi einen neuen Herrscher: AngloGold Ashanti.  Das zweitgrößte Goldunternehmen – das von Johannesburg aus auf vier Kontinenten operiert – hat die Mine im Jahr 2004 übernommen. Jedes Jahr fördert es 381.000 Unzen Gold in Obuasi, das sind 86 Prozent der ghanaischen Gesamtförderung.

Fährt man nach Obuasi, sticht einem als erstes  eine dreimeterhohe goldene Statue ins Auge, ein Bergmann mit Presslufthammer. Es ist klar: Obuasi lebt vom Gold und damit von AngloGold Ashanti. Das südafrikanische Unternehmen ist der wichtigste Arbeitgeber in der 130.000 Einwohner-Stadt und hat seit der Übernahme kräftig investiert. Es gibt Wohnsiedlungen für die Minenarbeiter, die so aussehen wie die endlosen Reihenhäuserschlangen aus amerikanischen Vorstädten, es gibt eine eigene Schule, einen Golfplatz, ein Fünf-Sterne-Hotel, einen Flugplatz und es gibt AshGold, den werkseigenen Fußballverein, zur Zeit Fünfter in der ersten ghanaischen Liga.

„Sicherheit wird groß geschrieben“

Mit einem Ruck bleibt der Eisenkäfig bei Stollen 26 stehen. 20 Männer in neonoranger Arbeitsmontur und Gummistiefeln steigen aus. Auf dem Kopf tragen sie weiße Helme mit Grubenlampe und um die Hüfte einen schweren Gürtel, an dem die dazugehörige Batterie hängt und ein Sauerstoffgerät für den Notfall. Überall liegen Rollen mit Metallkabeln herum, in der Mitte läuft ein Schienengleis. Links an der Felswand ist ein verrostetes Blechschild angebracht. Darauf steht: „Erlaubte Personenanzahl im Fahrstuhl: 5.“

„Bei uns wird die Sicherheit großgeschrieben“, sagt Isaac Yeboah, der Leiter des George-Capendell-Schachts und stapft weiter durch Modder und Pfützen.

Umweltschützer und Menschenrechtler sehen das anders und kritisieren AngloGold Ashanti massiv. Sie prangern an, dass immer tiefer gebohrt wird, dass die Arbeiter vergiftet werden, weil sie giftige Dämpfe einatmen und, dass das Trinkwasser mit Chemikalien verseucht wird. Von der ghanaischen Umweltbehörde EPA erhielt die Mine in Obuasi das schlechtmöglichste Rating in den Kategorien  Soziales und Umweltschutz. Greenpeace hat AngloGold Ashanti den Public Eye Award und den Titel „Most Irresponsible Company“ verliehen.

In Stollen 26 ist von giftigen Chemikalien wenig zu sehen. Allerdings riecht es moderig und ständig zischt es so, als ob Gas aus einem der Rohre weichen würde, die oben an der Decke entlang laufen. Zwischen den Rohren kann man einen Draht erkennen, den man mit der ausgestreckten Hand berühren könnte. Mr. Yeboah jedoch warnt: „Das ist eine Starkstromleitung. Nicht anfassen! Sonst wirst du gegrillt.“

Den Bergarbeitern rinnt der Schweiß von den Gesichtern. Es ist stickig und heiß. Doch Mr. Yeboah läuft unbeirrt voran und führt durch ein verschlungenes System Labyrinth von Gängen. Die Gefahr sich zu verirren ist groß. „Vor einer Woche ist einer unserer Kollegen hier verschollen, ein paar Tage später haben wir ihn tot aufgefunden“, sagt Mr. Yeboah.

Wie Kinderspielzeug für Riesen

Je tiefer sich die Männer in den Berg vorwagen, desto dunkler werden die Felswände. Waren sie eingangs noch weiß gestrichen mit Maschendrahtnetzen überspannt und  dicken Metallbolzen gesichert, wird ihre Gestalt zunehmend roher, unförmiger. Erst ragt der Fels schiefergrau hervor, dann wird er „dirty and brown“, wie Mr. Yeboah sagt. Man kann sich vorstellen, was für eine Anstrengung es gekostet haben muss, Meter für Meter in den Berg zu bohren.

Die Werkzeuge der Bergmänner wirken überdimensioniert in den schmalen Gängen, wie Kinderspielzeug für Riesen. Man sieht gigantische gelbe Schaufelbagger, wuchtige Presslufthämmer und weite Förderbänder auf, denen das Gestein gewaschen wird.

Und wo ist jetzt das Gold? Isaac Yeboah hebt einen grauen Stein hervor, in dem unzählige silberne Sprenksel glänzen, als hätte jemand winzige Nägel eingestreut. „Das Gestein wird in unserer Fabrik weiter verarbeitet und dann nach Südafrika gebracht, wo es zu purem Gold verfeinert wird“, erklärt Mr. Yeboah. „Dann wird es auf dem Weltmarkt verkauft.“

Mit riesigen gelben Schaufelbaggern bearbeiten die Bergmänner den Fels.

Abends im Goldfinger, einer stadtbekannten Bar in Obuasi, direkt an der Goldfinger East Road. Am Tresen lassen sich Frank Davidson, britischer Manager bei AngloGold Ashanti, und Johnny Motoull volllaufen. Der Brite  sitzt zusammengesunken auf seinem Hocker und hält sich an seinem Guiness fest. Johnny Motoull hingegen lärmt und gestikuliert wild. Der Belgier, dessen fette Wampe über seine beigefarbene Tropenhose quillt, reißt einen dreckigen Witz über ghanaische Frauen nach dem anderen. Dann kommt er aufs Geschäft zu sprechen.

„Legal? Illegal? Was heißt das schon?!

„Das was ich mache ist illegal“, tönt er und prahlt damit, dass er auf dem Gelände der Anglo Gold Ashanti nach Gold schürfen würde – „ohne Erlaubnis, ohne Genehmigung.“ Davidson lallt nur: „Davon hab ich jetzt aber nichts gehört.“

„Ach für euch sind das doch nur Peanuts“, winkt Motoul ab. „Ich suche an der Oberfläche und nehme die Scheiße, die AngloGold nicht will.“ Und was macht er mit dem Gold? „Wir verschiffen es nach Amsterdam. Und verdienen damit jede Menge Kohle, viel mehr als man in Europa verdienen kann.“

Legal? Motuollo grinst sein Raubtiergrinsen. „Legal? Illegal? Was heißt das schon?! Gut ist, wenn der Zoll uns nicht erwischt“, sagt er und holt seine Karte aus seinem Portemonnaie. Neben einer belgischen E-Mail Adresse und einer Anschrift in Accra steht dort „J Mining, Johnny Motoul“. Als Hintergrund hat der belgische Goldschmuggler eine dunkelgraue Weltkarte gewählt.

Der Goldrausch kennt keine Grenzen.

Written by bjoernstephan

April 15, 2011 at 8:58 am

Stay tuned!

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Gospel läuft überall in Ghana, im Radio, in der Kirche, im Fernsehen. Die Songs sind so wie Volkslieder: Jeder kennt sie, jeder singt sie.

 

Einer dieser Songs, die ständig irgendwo gespielt werden, ist Nyame Bohye, was soviel heißt wie God’s Promise. Gesungen wird er von No Tribe. Die zwanzig köpfige Big Band hat gerade ihr erstes Album „Altar“ rausgebracht. In einem Interview mit ghanamusic.com beschreibt Frontmann Nana Osei seine Mission so: We’re responsible for bringing people to Christ, singing songs that will stir up the spirit in people.”

Singen tut No Tribe in Twi. Und das ist das Gute an ihrer Musik und ghanaischem Gospel generell: Man versteht die Texte nicht. Aber dafür geht der Tune direkt ins Ohr.

Written by bjoernstephan

März 28, 2011 at 9:22 am

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Stachelschwein fällt Eiche

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„Kotoko are the devils“, raunt mir ein Typ eine Reihe hinter mir zu, die Augen so blutrot zugekifft, das man jede Ader einzeln zählen kann. Mit seinem Zeigefinger deutet er in die Kurve, in der die rote Flagge mit dem schwarz-gelben Stachelschwein weht. „Don’t go there“, rät er mir.

Es ist 14:30 Uhr im ausverkauften Ohene Dian Stadium. Noch eine halbe Stunde bis zum Anpfiff und das Music Chapter Zero – der berühmt berüchtigte Fanblock der Hearts, in dessen Mitte ich stehe – spielt und klatscht und singt schon seit zwei Stunden. Zwischen den rot-gelb-blauen Flaggen mit der großen Eiche drauf sieht man verschwitzte Gesichter, jede Menge Trommeln und zwei Gold glänzende Trompeten. Dafür, dass sich  gleich zwei Erzrivalen duellieren werden, ist es doch erstaunlich friedlich.

„Kotoko are the devils!“, Hearts-Fans im Chapter Zero

Kumasi Ashante Kotoko gegen Accra Hearts of Oaks – das ist ein Spiel zwischen den beiden besten ghanaischen Mannschaften. Beide sind Rekordmeister, haben jeweils 21-mal die Liga gewonnen. Beide haben zweimal die CAF geholt, die afrikanische Champions League. Und beide haben serbische Trainer (,die in Ghana gerade en vogue, seitdem auch die Black Stars einen Coach aus Serbien haben).

Kotoko gegen Hearts ist aber zugleich noch mehr als nur ein Fußballspiel. Es ist auch ein Duell zwischen den hochnäsigen Hauptstädtern und den stolzen Ashanti, die Kumasi als die wahre Kapitale Ghanas und ihren König Osei Tutu II., dem auch der Klub gehört, als wahren Präsidenten ansehen. Nicht umsonst ist der Verein nach dem Nationalsymbol der Ashanti benannt. Kotoko heißt Stachelschwein.

Die größte Katastrophe des afrikanischen Fußballs

Treffen die beiden Rivalen aufeinander, richten sich die Augen des ganzen Landes auf das Derby, mit Vorfreude aber auch mit Besorgnis. Denn vor zehn Jahren, am 09. Mai 2001, ereignete sich die größte Katastrophe des afrikanischen Fußballs im Ohene Diane Stadium in Accra. Wegen eines gegebenen Abseits-Tores begannen Kotoko-Fans Sitze heraus zu reißen. Die Polizei sprühte Tränengas. In der darauf einsetzenden Massenpanik wurden 126 Menschen an den verschlossenen Notausgängen zerquetscht oder totgetrampelt.

Unter den 40.000 im Stadion scheint das heute aber niemanden zu kümmern. Erst recht nicht im Chapter 0, wo jetzt Jubel aufbraust und ein ohrenbetäubender Lärm aus Plastiktröten und Vuvuzelas ertönt. Der Grund: Die Hearts laufen ein, oder besser sie führen eine einstudierte Choreographie auf: Erst gruppieren sich je vier Spieler um eine der Eckfahnen und schwören sich ein. Dann laufen die Gruppen alle gemeinsam in die Mitte. Dort bleiben einige Spieler am Mittelkreis stehen, die anderen bilden einen Kreis um den Anstoßpunkt herum, die Hände auf den Schultern des Nebenmannes. Nach einer Weile strecken sie ihre Arme gen Himmel und beten. Zum Finale der bühnenreifen Performance lassen sich die Hearts-Spieler schließlich auf die Knie fallen und winken ihren Fans mit weißen Taschentüchern zu. Und das alles noch vorm Warmmachen.

Auf den Rängen bleibt derweil alles ruhig. Solange jedenfalls, bis ein Kotoko-Supporter sich ins Chapter Zero verirrt. Ihm wird sein sein Hemd zerrissen und nach einem kleinen Disput wird er dazu verdonnert, sich nicht von der Stelle zu rühren. Der Typ mit den roten Augen kommentiert: „Wir sind der gefürchtetste Fanblock Ghanas. Nicht einmal vor der Polizei haben wir Angst.“ Nach wenigen Minuten kann sich der Kotoko-Fan aber unbemerkt davon stehlen. Und hinterlässt verdutzte Gesichter.

Totale Ekstase: Kotoko-Fans feiern den Derby-Sieg

Währenddessen geht das Spektakel auf dem Rasen weiter. Zum Anpfiff kommen die Hearts unter einer riesigen Vereinsflagge eingelaufen. Kotoko scheint das jedoch kalt zu lassen. Schon nach vier Minuten schießt Ahmed Touré das 1:0. Der Rest des Spiels ist schnell erzählt: Die Hearts haben wenig entgegenzusetzen, begehen vor allem in der Abwehr immer wieder grobe Schnitzer. Als dann Daniel Nii Adjei in der 21. Minute das 2:0 erzielt, hat Kotoko schon gewonnen. Die Hearts bäumen sich in der zweiten Hälfte zwar noch einmal auf, doch Kotoko spielt es souverän zu Ende und hat am Ende sogar noch Chancen zu erhöhen.

„Die wahren Könige des Fußballs“

Das Niveau des Spiels ist alles in allem eher zweitklassig. Ständig gibt es Unterbrechungen, weil wieder mal jemand am Boden liegt. Die Sanitäter scheinen mehr zu rennen als die Spieler. Beide Mannschaften spielen nicht ihre beste Saison. Chancen, Meister zu werden, haben sie schon lange nicht mehr. Tabellenführer Chelsea (es gibt übrigens auch ein Arsenal in der ersten und ein Bayern Munich in der zweiten Liga) liegt uneinholbar vorne. Die Hearts sind nur neunter. Und auch Kotoko, auf dem vierten Rang, hat schon dreizehn Punkte Rückstand. Dennoch wird am nächsten Tag im Kotoko Express, dem Vereinsmagazin, unter der Überschrift „We shook the Oak Tree“ stehen: „Wir haben der Welt gezeigt wer die wahren König des Fußballs in Ghana sind.“

Tatsächlich war die fußballerische Qualität wenig königlich, die Stimmung auf den Rängen jedoch absolut Champions-League-reif. Die Kotoko-Supporter feiern jeden Freistoß, jeden gelungenen Pass wie die Meisterschaft. Sie singen „Amen-Amen-Amen“ und ein hämisches „Away, Away“ in Richtung Chapter Zero. Einige flippen sogar völlig aus und laufen unten vor den Plexiglaswänden im Kreis, jubeln, schreien, tanzen. Vom Spiel kriegen sie gar nichts mehr mit.

Das Chapter Zero ist da schon lange verstummt. Ein paar Hearts-Anhänger verlassen den Block sogar schon vor dem Schlusspfiff. Die Kotoko-Fans hingegen setzen die Party auf der Straße fort und ziehen mit Autokorsos durch die Stadt, während die Sonne bei 30 Grad im Schatten brennt. Dann fährt ein Pick Up an mir vorbei. Auf der Ladefläche sitzen mehr als ein Dutzend Kotoko-Supporter. Ich springe auf und wir fahren los.

Written by bjoernstephan

März 26, 2011 at 2:41 pm

Marsch, Marsch! Im Gleichschritt für die Unabhängigkeit.

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Es war in der Nacht vom 05. zum 06. März 1957, als Kwame Nkrumahs Worte im Jubel von Zehntausenden erstarben. Mitten in Accra  verkündete der Premierminister das Ende der britischen Kronkolonie Goldküste. Ghana wurde unabhängig – als erstes Land in Schwarzafrika.

54 Jahre später am selben Ort: Auf dem riesigen Platz, der mittlerweile Independence Square heißt, stehen ein Mahnmal, ein Triumphbogen und Tribünen wie in einem Fußballstadion. 30.000 Menschen haben sich hier versammelt, um wie jedes Jahr am 06. März die Unabhängigkeit Ghanas mit einer großen Parade zu feiern.

Ein Marsch-Marathon. In Bildern.

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Written by bjoernstephan

März 7, 2011 at 11:34 am

Nachts auf den Straßen von Osu

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Das Erste, was einem an Benjamin auffällt, ist die zehn Zentimeter lange Narbe auf seinem Bauch. „Kommt von ‘ner Messerstecherei, lange Geschichte“ murmelt Benjamin, während er sich eine karierte Dreiviertelhose anzieht. Mehr will er nicht verraten. Schweigend streift er sich ein Poloshirt über, schnürt sich seine Puma-Sneakers und bindet sich ein Armbändchen ums Handgelenk. Es ist fünf Uhr nachmittags. Zeit, sich schick zu machen. Denn schon in einer Stunde wird es dunkel und Benjamins Nachtschicht beginnt. Wie ein kleiner Aufreißer sieht er aus in seinem Ausgehdress, mit dem Kettchen um den Hals und den Bartflusen am Kinn, die er sich zu einem kleinen Streifen getrimmt hat. Irgendwie hatte ich ihn mir verwahrloster vorgestellt – den Jungen, der schon seit vier Jahren auf den Straßen von Osu lebt.

Sieht aus wie ein kleiner Aufreißer: Benjamin (rechts) und Godwin

Osu ist einer der reicheren Stadtteile von Accra. Bricht die Nacht dort ein, dann ist es so als würde das ganze Viertel einen Stoßseufzer von sich geben. Die drückende Hitze weicht, ein lauwarmes Lüftchen weht, alles atmet auf. In der Abenddämmerung sieht man zuerst riesige Schwärme von Fledermäusen zu den Mangofeldern im Norden flattern. Dann strömen die Menschen nach draußen, auf die Straßen. Sie haben Feierabend. Die Pendler wollen nach Hause und die Hungrigen zu den Chop Bars.

Nachtschicht bei Frankie‘s

Für Benjamin und seine Kumpels Michael, Godwin und George hingegen fängt der Tag dann erst richtig an. Sie sind Nachtarbeiter. Wie jeden Abend streifen sie durch die Oxford-Street, der Vergnügungsmeile von Osu. In der Oxford-Street gibt es den total überteuerten Koala-Supermarkt, eine große Bank, bei der man sogar mit VISA-Karte Geld abheben kann, ein paar Fast-Food-Imbisse, Nightclubs, ein Kasino. Meistens lungern die vier Jungs aber vor dem Frankie’s herum, einem vierstöckiges Restaurant, das einem Italiener gehört.

Ausgerüstet mit grüner Leuchtweste und Taschenlampe helfen sie hier fast jeden Abend die Autos der Gäste einzuparken. Von dem Trinkgeld leben sie. Wenn es gut läuft bekommt jeder von ihnen zwischen ein und zwei Ghana Cedi. Wenn es schlecht läuft, verdienen die Jungs auf anderem Wege etwas dazu: Sie reparieren Flip-Flops, betteln um Essen, verticken Gras oder stehlen Portemonnaies.

Heute, am Dienstag ist wenig Betrieb im Frankie’s. Deshalb haben sich die vier freigenommen. Sie wollen an den Strand und mir das Arts Centre zeigen, wo die Rastas Trommeln, Fetischfiguren oder Ketten für die Touristen in Handarbeit herstellen. „Dort stört uns keiner, wenn wir einen rauchen wollen“, sagt Benjamin. Godwin, ein 1,90 Meter große Schlaks, den alle nur taller nennen, nickt: „Yeah Man!“

Es ist ein einstündiger Fußmarsch bis zum Arts Centre. Für die Jungs kein Problem. Sie sind es gewohnt immer unterwegs zu sein. Zwischendrin laufen sie um die Wette, machen Liegestütze, rauchen eine oder spielen Fußball mit einer faulen Orange. George und Benjamin erzählen mir, dass sie Fußballer werden wollen. Eines Tages würden sie in Europa spielen und für die Black Stars, die ghanaische Nationalmannschaft, auflaufen. Davon träumen sie, genauso wie jeder andere ghanaische Junge auch.

Alle wollen sie kleine Rastas sein: Unter der Kappe verbirgt George seine frisch gezwirbelten Dreadlocks.

Zwischen 17 und 19 Jahre sind die vier Jungs alt. Ursprünglich kommen sie aus Kumasi, aus der Volta-Region oder kleinen Dörfern im Umkreis von Accra. In der Hoffnung hier Arbeit und Abenteuer zu finden, hat es sie in die Hauptstadt verschlagen. Heute besitzen sie nicht viel mehr als das, was sie am Leib tragen. Einzig Michael trägt einen Rucksack auf dem Rücken. Darin befinden sich ein Deospray, ein Paar kurze Hosen, ein Handy und eine Badekappe. „Die trag ich immer, wenn wir am Strand bolzen“, sagt er und stülpt sie George über den Kopf. Als ich die Jungs frage, warum sie von zu Hause weggelaufen seien, werden sie wortkarg. Ihre Geschichten kann man nur aus wenigen Wortfetzen erahnen: Den Vater nie kennen gelernt, zu wenig Geld, um zur Schule zu gehen, Stress mit den Stiefeltern.

„Meistens machen sie’s umsonst“

Ein wenig versteckt hinter einer hohen Backsteinmauer liegt das Arts Centre. Betritt man das riesige Gelände, sticht einem zuerst die Markthalle ins Auge, in der die Rastas ihren Kunstkrempel verkaufen. Nachts schlafen sie hier. Zwischen den Holzstreben, die die einzelnen Räume von einander abtrennen, hängen Bettlaken und Leinentücher. Die Vier kennen hier jeden Winkel, überall bekannte Gesichter. Ich kaufe Whisky und Gin in Plastikbeuteln. Denn die Jungs wollen sich Mut antrinken, um mit den Mädchen zu schäkern. Es fällt schwer zu sagen, ob es Prostituierte sind oder nicht. George, der bei den Mädchen am besten ankommt, sagt: „Meistens machen sie’s umsonst, manchmal müssen wir aber auch bezahlen.“

Dann geht’s weiter in Richtung Strand, zielsicher steuern die Jungs über stockfinstere Pfade, bis wir endlich vor ein paar Hütten stehen bleiben. Von der benachbarten Müllkippe weht ein unsäglicher Gestank herüber. Funzelige Öllampen glimmen auf den Essensständen und aus versteckten Lautsprechern ertönt Reggae in voller Lautstärke. Rechterhand liegt ein schäbiges Haus, durch die Fenster sieht man einen Fernseher flimmern.

Doch die Jungs haben keine Lust auf Kino. Vorsichtig kraxeln wir die steilen Stufen einer Treppe herunter, die durch eine schmale Häusergasse führen. Als wir das Ende erreicht haben, stehen wir plötzlich mitten auf dem Strand, vor uns das dunkel grollende Meer. In einer Ecke sitzen ein paar Rastas, Schweine und Hunde laufen herum und über allem liegt eine süßliche Graswolke. George und Godwin schaffen Plastikstühle heran, auf die wir uns erschöpft fallen lassen. Während Michael einen Joint baut, drehe ich mich um und sehe die Hütten, die so windschief an dem Abhang kleben wie ein Kartenhaus kurz vor dem Einsturz. Auf ihren Dächern wuchert ein Wald aus Antennen. Und direkt neben uns ragt ein Fahnenmast in den Himmel, an dem die Rastas eine zerfledderte ghanaische Flagge gehisst haben. Leise weht sie im Wind.

Ein Stück Pappe als Kopfkissen

Als wir zurück in die Oxford-Straße kehren sind die Straßen leer. Die meisten Buden haben geschlossen, nur noch einige wenige Huren und Taxifahrer sind unterwegs. Die Jungs sind müde, aber zu hungrig um sich schlafen zu legen. Die letzte Mahlzeit haben sie um zwei Uhr gegessen. Nachdem ich eine Runde Reis und eine letzte Gute-Nacht-Zigarette spendiert habe, zeigen sie mir, wo sie übernachten.

Ihr Schlafplatz liegt genau gegenüber vom Frankie’s, hinter einem unscheinbaren Wellblechzaun. Quietschend öffnet Benjamin die Pforte zu einem großen Platz, auf dem bestimmt 200 Menschen liegen – einige im Staub, andere auf dem nackten Beton. „Der Besitzer ist verstorben, seitdem steht das Grundstück leer“, erklärt Benjamin und schnappt sich ein Stück Pappe, sein Kopfkissen. Zwar schwirren unzählige Moskitos durch die Luft, doch dafür ist ihre Nachtstätte sicher. „Die Polizei schaut hier nur selten vorbei“, sagt George.

Doch die Nacht ist kurz. Um sechs Uhr, wenn die Sonne aufgeht, wachen die Jungs auf. Zwei Stunden müssen sie überbrücken, ehe das Zentrum für Straßenkinder öffnet, in dem sie sich tagsüber aufhalten. Dort können sie Frühstück und Mittag essen, duschen, Wäsche waschen. Und warten bis es wieder dunkel wird.

Written by bjoernstephan

Februar 13, 2011 at 10:28 pm

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Küss die Hand!

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„Darf ich Ihre Hand küssen, Madame?“ So viel Charme und Einfühlsamkeit hätte man ghanaischen Rappern gar nicht zugetraut. R2Bees kommen aus Tema, der Zwillingsstadt von Accra und sie sind echte Poeten. Zum Beispiel dann, wenn sie im feinsten Pidgin singen: „Girl I want to chop you. You be my hunger.“

Nur zum Verständnis: chop heißt auffressen.

Erschienen ist „Kiss Your Hand“ auf dem Debütalbum des Hip-Hop-Duos. Das was die beiden Casanovas Paedae und Mugeez da machen, nennen sie selbst GH-Rap. GH steht für Ghana. Und wie sie auf ihrer Homepage sagen, wollen sie damit „Afrikas Musikindustrie im Sturm erobern“. Jungs, nur nicht so bescheiden!

„Kiss Your Hand“ ist jedenfalls ist kein schlechter Anfang für die hochgesteckten Ziele der Herzensbrecher. Denn der Track ist ein echter Ohrwurm, eine Liebesschnulze zum Tanzen, mit 125 beat per minute.

Mit von der Partie ist auch der nigerianische Säuselsänger Wande Coal. Er ist es, der den Refrain so eingängig im Falsett fistelt: „Allow me to kiss your hand, be your man. You know, I understand.“

Wahre Romantiker eben. Falls es jemals eine ghanaische Kuschel Rock-CD geben sollte, dieser Song gehört drauf!

Written by bjoernstephan

Januar 25, 2011 at 3:22 pm

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Oben der Himmel und unten die Hölle. Ein Besuch im Cape Coast Castle

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Eine weiße Zitadelle, eine irgendwie barock anmutende Kirche und koloniale Bürgerhäuser, von denen der pastellfarbene Putz abblättert – Cape Coast ist eine malerische Hafenstadt im Süden Ghanas. Verfallen wie eine alte Tempelruine, aber mit tropischem Flair. Früher war Cape Coast einmal die Hauptstadt der Goldküste. Doch das ist lange her. Inzwischen hat der Lauf der Zeit eine dicke Patina auf die Erinnerung der Stadt gelegt. Heute spürt man kaum noch, dass hier eines der dunkelsten Kapitel afrikanischer Geschichte geschrieben wurde.

Sieht aus wie ein übertrieben gesicherter Landsitz. Tatsächlich aber war Cape Coast Castle eine der größten Sklavenburgen der Welt.

Im Kerker riecht es modrig, die Luft ist feucht und es ist stockdunkel, nur durch einen schmalen Schlitz fällt etwas Sonnenlicht herein. „Bis hier standen die Gefangenen in einem Sud aus Urin, Erbrochenem, Blut und Scheiße“, sagt John und zeigt auf einen weißen Strich an der Wand, dreißig Zentimeter über dem Boden. Ein Raunen geht durch die Reisegruppe, Fotoapparate werden gezückt, Blitzlichter zucken. John, der Reiseführer, posiert und deutet noch einmal auf die Markierung. Er macht das nicht zum ersten Mal, das merkt man.

Obama war auch schon da

Die Reisegruppe ist bunt zusammengewürfelt. Die Touristen kommen aus den USA, aus Frankreich oder aus Trinidad und Tobago. Sie alle wollen etwas lernen über ihre afrikanischen Wurzeln. Deshalb sind sie zu dem Ort gepilgert, in dem ihre Vorfahren eingesperrt waren – nach Cape Coast Castle, ehemals eine der größten Sklavenburgen der Welt, ein Todeslager. Insgesamt 2 Millionen Menschen wurden hier monatelang eingekerkert, vergewaltigt, gefoltert. 80 Prozent von ihnen starben. Die, die überlebten, wurden in die Schiffsbäuche geladen und in die Neue Welt gebracht, nach Amerika. Die Namen der Schiffe lauteten: Liberty, Independence oder Glory of Africa. Heute ist Cape Coast Castle ein Museum und steht auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes. Im letzten Jahr war Barack Obama zu Besuch.

Sechzig Forts, Festungen und Burgen gab es einmal an der 500 Kilometer langen Küste Ghanas. Die meisten sind heute Ruinen, verwitterte Felsblöcke am Strand. Cape Coast Castle aber steht immer noch. 1637 errichten die Niederländer das Schloss als Handelsstützpunkt, später kamen die Schweden, dann die Dänen und schließlich eroberten die Briten das Schloss. Sie bauten Cape Coast Castle zum Umschlagplatz aus im Dreieckshandel zwischen Europa, Afrika und Amerika. 150 Jahre lang wurde hier gehandelt mit „schwarzem Elfenbein“, Menschenware.

Ein Gotteshaus in der Sklavenburg

Inzwischen sind John und die Reisegruppe im Obergeschoss der Festung angelangt. Sie stehen auf knarzendem Holzparkett. Schaut man aus dem Fenster, sieht man gusseiserne Kanonen, weiße Zinnen und himmelblaue Fensterläden. Alles wurde originalgetreu renoviert, bis auf die Gitterstäbe, die sind aus Plastik. Wir stehen in der Palaver Hall, dort wo um die Sklaven gefeilscht wurde wie um ein Stück Vieh. In die Arme hatten sie Nummern eintätowiert. Heute kann man in der Palaver Hall Souvenirs kaufen, Batik-Shirts und Drucke, auf denen man das Profil von Massai-Frauen sieht. „Hier bitte keine Fotos“, sagt John, bevor er uns noch ein Stockwerk höher führt.

Wir stehen jetzt in einem großen, leeren Saal, die Decke ist höher als in den anderen Räumen. Es hallt, als John sagt: „Dies war die erste anglikanische Kirche in der Goldküste, die Society of the Propagation of Gospel, kurz SPG.“ Ein Kapelle in der Sklavenburg. Oben beteten die Kolonialherren um die Vergebung ihrer Sünden und unten im Keller stapelten sich die Leichen. „Heaven up here, hell down there“ sagt John und lässt dabei seinen Zeigefinger nach unten abklappen.

Wie ein Fels in der Brandung. Seit fast vierhundert Jahren trotz das Cape Coast Castle den Gezeiten.

1471 landeten portugiesische Seeleute an der Küste, nahe dem kleinen Fischerdorf Oguaa, das später Cape Coast heißen sollte. Sie errichteten ein Fort, steckten ihre Interessensphären ab und sicherten sich ihre Pfründe. Die Portugiesen waren die Ersten, später ging fast ganz Europa in Westafrika vor Anker – auch die Preußen, ihr Fort hieß Groß Friedrichsburg. Die europäischen Eroberer brachten Glasperlen für das Volk, Branntwein für die Häuptlinge und die Bibel. Was sie dafür im Gegenzug begehrten, lässt sich an den Namen ablesen, die sie den von ihnen besetzten Gebieten gaben. Sie hießen Elfenbeinküste, Goldküste und Sklavenküste, das heutige Togo. Die Wirtschaft in der Neuen Welt boomte, Amerika lechzte nach Arbeitskräften. Der Menschenraub nahm seinen Anfang.

Das Trauma sitzt tief

Quietschend öffnet sich das Holztor. Oben drüber ist ein Schild angebracht: Door of no Return. Wer hierher kam, für den gab es kein Zurück. Aneinander gekettet wurden die Sklaven auf die Schiffe geführt. Wer sich mit einem Sprung ins Wasser retten wollte, der riss die anderen mit. Könnte dieses Gemäuer sprechen, es wäre ein Klagegeschrei, ein Ächzen und Stöhnen, denkt man. Als wir aber das Tor durchqueren, sehen wir lediglich ein paar zahnlose Fischer, die ihre Netze flicken. Wer sie fotografieren möchte, muss einen Obolus dalassen. Es ist das Ende der Führung. Routiniert hat John den dramatischen Höhepunkt gesetzt. Nachdem er höflich darauf hingewiesen hat, dass er sich über ein Trinkgeld freuen würde, zeigt er uns den Weg in den Museumsshop.

Die Geschichte vom Sklavenhandel ist jedoch mehr als nur ein Geschäft mit den Touristen, in den Köpfen der Ghanaer ist sie noch immer lebendig, sie ist ein Trauma. 29 Millionen Afrikaner verschleppten die Europäer in vier Jahrhunderten, weitere 29 Millionen sollen gestorben sein. Es waren die Stärksten, die Klügsten, die Kräftigsten, die Afrika genommen wurden. Zu einem Zeitpunkt, als sich Europa und Amerika entwickelten, Erfindungen machten und den Kapitalismus erfanden.

Und noch immer ist der Minderwertigkeitskomplex in das kollektive Bewusstsein eingebrannt. Es ist nicht so, dass die Ghanaer nicht stolz auf ihr Land wären, ganz im Gegenteil. Aber dennoch ist ein Mangel an Selbstbewusstsein allerorten spürbar. Fast jeder will nach Europa, ins gelobte Land. Im Fernsehen, in der Kirche, in der Schule wird versucht, diese Selbstzweifel auszutreiben. Immer wird betont wie wichtig  Entwicklung sei. In einem ghanaischen Schulbuch für die elfte Klasse steht etwa: „We should have confidence in our ability to develop on our own effort. In fact all men before God are equal.“ Und dann der Schlusssatz: „ So what the Whiteman can do, the Blackman can also do it.”

Wer Cape Coast Castle besichtigt hat, denkt: Lieber nicht.

Written by bjoernstephan

Januar 10, 2011 at 2:45 pm