Ghanacalling | der Ghana-Blog

Grenzenloser Goldrausch

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Zweimal schrillt die Glocke und der Eisenkäfig rumpelt in die Tiefe. Abwechselnd ziehen das Licht der Stollen und die Schatten des Erdreichs vorbei. Hell-dunkel, hell-dunkel, hell-dunkel wie in einem Paternoster. Aber die Männer mit den schwieligen Händen und dem Bartschatten im Gesicht schauen nicht hin. Ihre Augen sind geschlossen, ihre Hände umklammern die des Nebenmannes.

Jeden Tag fahren die Bergmänner zu ihrer Acht-Stunden-Schicht nach unten. Und immer schwingt die Befürchtung mit, dass die Fahrt in die Dunkelheit ihre letzte sein könnte. Bis zu 1000 Meter unter der Erdoberfläche graben sie nach Gold in einer der größten Minen der Welt.

Der güldene Bergmann: Goldabbau hat eine lange Tradition in Obuasi.

Eingebettet in eine immergrüne Mittelgebirgslandschaft, aus der nur die Affenbrotbäume und die Fördertürme ragen, liegt Obuasi, eine echte Goldgräberstadt. 1895 begannen die Briten hier Gold abzubauen, damals war Ghana noch Kronkolonie und hieß Goldküste.

An der Ader von AngloGold

Heute hat Obuasi einen neuen Herrscher: AngloGold Ashanti.  Das zweitgrößte Goldunternehmen – das von Johannesburg aus auf vier Kontinenten operiert – hat die Mine im Jahr 2004 übernommen. Jedes Jahr fördert es 381.000 Unzen Gold in Obuasi, das sind 86 Prozent der ghanaischen Gesamtförderung.

Fährt man nach Obuasi, sticht einem als erstes  eine dreimeterhohe goldene Statue ins Auge, ein Bergmann mit Presslufthammer. Es ist klar: Obuasi lebt vom Gold und damit von AngloGold Ashanti. Das südafrikanische Unternehmen ist der wichtigste Arbeitgeber in der 130.000 Einwohner-Stadt und hat seit der Übernahme kräftig investiert. Es gibt Wohnsiedlungen für die Minenarbeiter, die so aussehen wie die endlosen Reihenhäuserschlangen aus amerikanischen Vorstädten, es gibt eine eigene Schule, einen Golfplatz, ein Fünf-Sterne-Hotel, einen Flugplatz und es gibt AshGold, den werkseigenen Fußballverein, zur Zeit Fünfter in der ersten ghanaischen Liga.

“Sicherheit wird groß geschrieben”

Mit einem Ruck bleibt der Eisenkäfig bei Stollen 26 stehen. 20 Männer in neonoranger Arbeitsmontur und Gummistiefeln steigen aus. Auf dem Kopf tragen sie weiße Helme mit Grubenlampe und um die Hüfte einen schweren Gürtel, an dem die dazugehörige Batterie hängt und ein Sauerstoffgerät für den Notfall. Überall liegen Rollen mit Metallkabeln herum, in der Mitte läuft ein Schienengleis. Links an der Felswand ist ein verrostetes Blechschild angebracht. Darauf steht: „Erlaubte Personenanzahl im Fahrstuhl: 5.“

„Bei uns wird die Sicherheit großgeschrieben“, sagt Isaac Yeboah, der Leiter des George-Capendell-Schachts und stapft weiter durch Modder und Pfützen.

Umweltschützer und Menschenrechtler sehen das anders und kritisieren AngloGold Ashanti massiv. Sie prangern an, dass immer tiefer gebohrt wird, dass die Arbeiter vergiftet werden, weil sie giftige Dämpfe einatmen und, dass das Trinkwasser mit Chemikalien verseucht wird. Von der ghanaischen Umweltbehörde EPA erhielt die Mine in Obuasi das schlechtmöglichste Rating in den Kategorien  Soziales und Umweltschutz. Greenpeace hat AngloGold Ashanti den Public Eye Award und den Titel „Most Irresponsible Company“ verliehen.

In Stollen 26 ist von giftigen Chemikalien wenig zu sehen. Allerdings riecht es moderig und ständig zischt es so, als ob Gas aus einem der Rohre weichen würde, die oben an der Decke entlang laufen. Zwischen den Rohren kann man einen Draht erkennen, den man mit der ausgestreckten Hand berühren könnte. Mr. Yeboah jedoch warnt: „Das ist eine Starkstromleitung. Nicht anfassen! Sonst wirst du gegrillt.“

Den Bergarbeitern rinnt der Schweiß von den Gesichtern. Es ist stickig und heiß. Doch Mr. Yeboah läuft unbeirrt voran und führt durch ein verschlungenes System Labyrinth von Gängen. Die Gefahr sich zu verirren ist groß. „Vor einer Woche ist einer unserer Kollegen hier verschollen, ein paar Tage später haben wir ihn tot aufgefunden“, sagt Mr. Yeboah.

Wie Kinderspielzeug für Riesen

Je tiefer sich die Männer in den Berg vorwagen, desto dunkler werden die Felswände. Waren sie eingangs noch weiß gestrichen mit Maschendrahtnetzen überspannt und  dicken Metallbolzen gesichert, wird ihre Gestalt zunehmend roher, unförmiger. Erst ragt der Fels schiefergrau hervor, dann wird er „dirty and brown“, wie Mr. Yeboah sagt. Man kann sich vorstellen, was für eine Anstrengung es gekostet haben muss, Meter für Meter in den Berg zu bohren.

Die Werkzeuge der Bergmänner wirken überdimensioniert in den schmalen Gängen, wie Kinderspielzeug für Riesen. Man sieht gigantische gelbe Schaufelbagger, wuchtige Presslufthämmer und weite Förderbänder auf, denen das Gestein gewaschen wird.

Und wo ist jetzt das Gold? Isaac Yeboah hebt einen grauen Stein hervor, in dem unzählige silberne Sprenksel glänzen, als hätte jemand winzige Nägel eingestreut. „Das Gestein wird in unserer Fabrik weiter verarbeitet und dann nach Südafrika gebracht, wo es zu purem Gold verfeinert wird“, erklärt Mr. Yeboah. „Dann wird es auf dem Weltmarkt verkauft.“

Mit riesigen gelben Schaufelbaggern bearbeiten die Bergmänner den Fels.

Abends im Goldfinger, einer stadtbekannten Bar in Obuasi, direkt an der Goldfinger East Road. Am Tresen lassen sich Frank Davidson, britischer Manager bei AngloGold Ashanti, und Johnny Motoull volllaufen. Der Brite  sitzt zusammengesunken auf seinem Hocker und hält sich an seinem Guiness fest. Johnny Motoull hingegen lärmt und gestikuliert wild. Der Belgier, dessen fette Wampe über seine beigefarbene Tropenhose quillt, reißt einen dreckigen Witz über ghanaische Frauen nach dem anderen. Dann kommt er aufs Geschäft zu sprechen.

“Legal? Illegal? Was heißt das schon?!

„Das was ich mache ist illegal“, tönt er und prahlt damit, dass er auf dem Gelände der Anglo Gold Ashanti nach Gold schürfen würde – „ohne Erlaubnis, ohne Genehmigung.“ Davidson lallt nur: „Davon hab ich jetzt aber nichts gehört.“

„Ach für euch sind das doch nur Peanuts“, winkt Motoul ab. „Ich suche an der Oberfläche und nehme die Scheiße, die AngloGold nicht will.“ Und was macht er mit dem Gold? „Wir verschiffen es nach Amsterdam. Und verdienen damit jede Menge Kohle, viel mehr als man in Europa verdienen kann.“

Legal? Motuollo grinst sein Raubtiergrinsen. „Legal? Illegal? Was heißt das schon?! Gut ist, wenn der Zoll uns nicht erwischt“, sagt er und holt seine Karte aus seinem Portemonnaie. Neben einer belgischen E-Mail Adresse und einer Anschrift in Accra steht dort „J Mining, Johnny Motoul“. Als Hintergrund hat der belgische Goldschmuggler eine dunkelgraue Weltkarte gewählt.

Der Goldrausch kennt keine Grenzen.

Geschrieben von bjoernstephan

April 15, 2011 um 8:58 vormittags

Stay tuned!

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Gospel läuft überall in Ghana, im Radio, in der Kirche, im Fernsehen. Die Songs sind so wie Volkslieder: Jeder kennt sie, jeder singt sie.

 

Einer dieser Songs, die ständig irgendwo gespielt werden, ist Nyame Bohye, was soviel heißt wie God’s Promise. Gesungen wird er von No Tribe. Die zwanzig köpfige Big Band hat gerade ihr erstes Album „Altar“ rausgebracht. In einem Interview mit ghanamusic.com beschreibt Frontmann Nana Osei seine Mission so: We’re responsible for bringing people to Christ, singing songs that will stir up the spirit in people.”

Singen tut No Tribe in Twi. Und das ist das Gute an ihrer Musik und ghanaischem Gospel generell: Man versteht die Texte nicht. Aber dafür geht der Tune direkt ins Ohr.

Geschrieben von bjoernstephan

März 28, 2011 um 9:22 vormittags

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Stachelschwein fällt Eiche

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„Kotoko are the devils“, raunt mir ein Typ eine Reihe hinter mir zu, die Augen so blutrot zugekifft, das man jede Ader einzeln zählen kann. Mit seinem Zeigefinger deutet er in die Kurve, in der die rote Flagge mit dem schwarz-gelben Stachelschwein weht. „Don’t go there“, rät er mir.

Es ist 14:30 Uhr im ausverkauften Ohene Dian Stadium. Noch eine halbe Stunde bis zum Anpfiff und das Music Chapter Zero – der berühmt berüchtigte Fanblock der Hearts, in dessen Mitte ich stehe – spielt und klatscht und singt schon seit zwei Stunden. Zwischen den rot-gelb-blauen Flaggen mit der großen Eiche drauf sieht man verschwitzte Gesichter, jede Menge Trommeln und zwei Gold glänzende Trompeten. Dafür, dass sich  gleich zwei Erzrivalen duellieren werden, ist es doch erstaunlich friedlich.

„Kotoko are the devils!“, Hearts-Fans im Chapter Zero

Kumasi Ashante Kotoko gegen Accra Hearts of Oaks – das ist ein Spiel zwischen den beiden besten ghanaischen Mannschaften. Beide sind Rekordmeister, haben jeweils 21-mal die Liga gewonnen. Beide haben zweimal die CAF geholt, die afrikanische Champions League. Und beide haben serbische Trainer (,die in Ghana gerade en vogue, seitdem auch die Black Stars einen Coach aus Serbien haben).

Kotoko gegen Hearts ist aber zugleich noch mehr als nur ein Fußballspiel. Es ist auch ein Duell zwischen den hochnäsigen Hauptstädtern und den stolzen Ashanti, die Kumasi als die wahre Kapitale Ghanas und ihren König Osei Tutu II., dem auch der Klub gehört, als wahren Präsidenten ansehen. Nicht umsonst ist der Verein nach dem Nationalsymbol der Ashanti benannt. Kotoko heißt Stachelschwein.

Die größte Katastrophe des afrikanischen Fußballs

Treffen die beiden Rivalen aufeinander, richten sich die Augen des ganzen Landes auf das Derby, mit Vorfreude aber auch mit Besorgnis. Denn vor zehn Jahren, am 09. Mai 2001, ereignete sich die größte Katastrophe des afrikanischen Fußballs im Ohene Diane Stadium in Accra. Wegen eines gegebenen Abseits-Tores begannen Kotoko-Fans Sitze heraus zu reißen. Die Polizei sprühte Tränengas. In der darauf einsetzenden Massenpanik wurden 126 Menschen an den verschlossenen Notausgängen zerquetscht oder totgetrampelt.

Unter den 40.000 im Stadion scheint das heute aber niemanden zu kümmern. Erst recht nicht im Chapter 0, wo jetzt Jubel aufbraust und ein ohrenbetäubender Lärm aus Plastiktröten und Vuvuzelas ertönt. Der Grund: Die Hearts laufen ein, oder besser sie führen eine einstudierte Choreographie auf: Erst gruppieren sich je vier Spieler um eine der Eckfahnen und schwören sich ein. Dann laufen die Gruppen alle gemeinsam in die Mitte. Dort bleiben einige Spieler am Mittelkreis stehen, die anderen bilden einen Kreis um den Anstoßpunkt herum, die Hände auf den Schultern des Nebenmannes. Nach einer Weile strecken sie ihre Arme gen Himmel und beten. Zum Finale der bühnenreifen Performance lassen sich die Hearts-Spieler schließlich auf die Knie fallen und winken ihren Fans mit weißen Taschentüchern zu. Und das alles noch vorm Warmmachen.

Auf den Rängen bleibt derweil alles ruhig. Solange jedenfalls, bis ein Kotoko-Supporter sich ins Chapter Zero verirrt. Ihm wird sein sein Hemd zerrissen und nach einem kleinen Disput wird er dazu verdonnert, sich nicht von der Stelle zu rühren. Der Typ mit den roten Augen kommentiert: „Wir sind der gefürchtetste Fanblock Ghanas. Nicht einmal vor der Polizei haben wir Angst.“ Nach wenigen Minuten kann sich der Kotoko-Fan aber unbemerkt davon stehlen. Und hinterlässt verdutzte Gesichter.

Totale Ekstase: Kotoko-Fans feiern den Derby-Sieg

Währenddessen geht das Spektakel auf dem Rasen weiter. Zum Anpfiff kommen die Hearts unter einer riesigen Vereinsflagge eingelaufen. Kotoko scheint das jedoch kalt zu lassen. Schon nach vier Minuten schießt Ahmed Touré das 1:0. Der Rest des Spiels ist schnell erzählt: Die Hearts haben wenig entgegenzusetzen, begehen vor allem in der Abwehr immer wieder grobe Schnitzer. Als dann Daniel Nii Adjei in der 21. Minute das 2:0 erzielt, hat Kotoko schon gewonnen. Die Hearts bäumen sich in der zweiten Hälfte zwar noch einmal auf, doch Kotoko spielt es souverän zu Ende und hat am Ende sogar noch Chancen zu erhöhen.

„Die wahren Könige des Fußballs”

Das Niveau des Spiels ist alles in allem eher zweitklassig. Ständig gibt es Unterbrechungen, weil wieder mal jemand am Boden liegt. Die Sanitäter scheinen mehr zu rennen als die Spieler. Beide Mannschaften spielen nicht ihre beste Saison. Chancen, Meister zu werden, haben sie schon lange nicht mehr. Tabellenführer Chelsea (es gibt übrigens auch ein Arsenal in der ersten und ein Bayern Munich in der zweiten Liga) liegt uneinholbar vorne. Die Hearts sind nur neunter. Und auch Kotoko, auf dem vierten Rang, hat schon dreizehn Punkte Rückstand. Dennoch wird am nächsten Tag im Kotoko Express, dem Vereinsmagazin, unter der Überschrift „We shook the Oak Tree“ stehen: „Wir haben der Welt gezeigt wer die wahren König des Fußballs in Ghana sind.“

Tatsächlich war die fußballerische Qualität wenig königlich, die Stimmung auf den Rängen jedoch absolut Champions-League-reif. Die Kotoko-Supporter feiern jeden Freistoß, jeden gelungenen Pass wie die Meisterschaft. Sie singen „Amen-Amen-Amen“ und ein hämisches „Away, Away“ in Richtung Chapter Zero. Einige flippen sogar völlig aus und laufen unten vor den Plexiglaswänden im Kreis, jubeln, schreien, tanzen. Vom Spiel kriegen sie gar nichts mehr mit.

Das Chapter Zero ist da schon lange verstummt. Ein paar Hearts-Anhänger verlassen den Block sogar schon vor dem Schlusspfiff. Die Kotoko-Fans hingegen setzen die Party auf der Straße fort und ziehen mit Autokorsos durch die Stadt, während die Sonne bei 30 Grad im Schatten brennt. Dann fährt ein Pick Up an mir vorbei. Auf der Ladefläche sitzen mehr als ein Dutzend Kotoko-Supporter. Ich springe auf und wir fahren los.

Geschrieben von bjoernstephan

März 26, 2011 um 2:41 nachmittags

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